Kampagne gegen das Barfußgehen in PortugalPortugal zählte lange Zeit zu den ärmsten Völkern in Europa. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Großteil der Bevölkerung keine Schuhe leisten konnte. Das wenige Geld, dass man besaß, investierte man eher in Lebensmittel oder hier und da auch mal in ein Kleidungsstück. Schuhe standen für Wohlstand und galten lange Zeit als Statussymbol, zumal es Sklaven oder Knechte nicht erlaubt war, Schuhe zu besitzen. Sofern ein Knecht sich freigekauft und somit das Recht auf Schuhe verdient hatte, stellte er schnell fest, dass das Schuhwerk alles andere als bequem war. Viele empfanden die Einengung als unangenehm und so war es nicht verwunderlich, dass Schuhe statt an den Füßen, um den Hals oder an den Händen getragen wurden, um der Gesellschaft stolz den eigenen Rang zu präsentieren.

Im Januar 1928 initiierte die Liga Portuguesa de Profilaxia Social (Portugiesische Liga der Sozialprophylaxe) eine Kampagne gegen die unpassende, unansehnliche und unhygienische Angewohnheit des Barfußgehens.

Es ging vorrangig darum, die Gesundheit der Bevölkerung zu steigern, ein Ziel, was die Liga auch heute noch verfolgt.

Porto setzte als erster das Verbot des Barfußgehens in der gesamten Stadt durch und noch im selben Jahr folgte Lissabon diesem Beispiel. 1934 folgte Coimbra, nachdem die Presse einige Zeit mit Nachdruck auf die Bevölkerung eingewirkt hatte. Städte wie Aveiro setzten das Verbot erst 1956 in Kraft, nachdem die Liga das Buch "O Pé Descalço - Uma vergonha nacional que urge extinguir" (was so viel bedeutet wie "Barfußgehen - Eine nationale Schande, die es auszulöschen gilt") im selben Jahr veröffentlichte.

Im Grunde gab es zwei Gründe für das Verbot: zum einen die Liga, die die Situation der Bevölkerung verbessern wollte, zum anderen Krankheiten, die aufs Barfußgehen zurückgeführt wurden (wie zB. die Ansteckung mit Tetanus). Dazu kam noch der gesellschaftliche Druck, denn es hatte sich bereits im Ausland verbreitet, dass die Portugiesen überall barfuß gingen - in damaliger Zeit gleichzusetzen mit niederem Stand und Ungepflegtheit und somit auch mit Wildheit und von geringer Bildung. Ein Image, dem mit dem Verbot gegengesteuert werden sollte.

Um die Situation nicht noch weiter zu verschlimmern, wurde die Polizei damit beauftragt, das Barfußgehen mit allen Mitteln zu verhindern. Keiner durfte die Stadt ohne Schuhe betreten. Wer sich weigerte, hatte zumindest mit Geldbußen, schlimmstenfalls sogar mit Gefängnis zu rechnen. Es reichte auch nicht nur einen Fuß zu bedecken, wie die Geschichte der 29jährigen Maria Joaquina da Silva Teixeira beweist. Sie wohnte in Vila Nova de Gaia und musste sich am 30.11.1954 vor Gericht verantworten. Angeklagt war sie, wie viele andere auch, wegen des Barfußgehens. Vor Gericht wurde sie gefragt, wieso sie eigentlich nur einen Schuh getragen hätte, denn die halbe Einhaltung des Gesetzes würde sie nicht vor einer Strafe schützen. Die Angeklagte erklärte sich und zeigte dem Vorsitzenden zwei Wunden am Fuß, weswegen es ihr nicht möglich war, alle beiden Schuhe zu tragen. Der Magistrat überzeugte sich, stellte aber fest: „Was ich sehe ist, dass Ihr Fuß schmutzig ist.“ Und belehrte die Angeklagte prompt:  „Wenn Ihr Fuß Verletzungen aufweist, sollten Sie gerade deswegen nicht barfußgehen. Es ist zu Ihrem Schutz!“ Maria Joaquina wurde zu einer Geldstrafe in Höhe von 16$50 Escudos verurteilt, zusätzlich zu 50$00 Escudos an Gerichtskosten. (Anmerk. Wechselkurs für 1€ betrug 200$482 Escudos - Stand 01.01.1999)

Im "Diário de Lisboa" der Ausgabe 3616 vom 5.12.1932 ist zu lesen, dass es ab diesem Tag grundsätzlich verboten sei, sich barfuß in der Stadt aufzuhalten und so das "das Stadtbild der Landeshauptstadt zu verunstalten". Weiter ist zu lesen, dass es nicht nur der Armut zuzuschreiben war, dass die Bevölkerung auf Schuhe verzichtete. 

 

Tatsächlich berichteten einige Journalisten, dass sie zB. Frauen gesehen hätten, die - obwohl üppig mit Goldketten geschmückt - dennoch barfuß gingen und - wenn überhaupt - ihre Schuhe um den Hals trugen, so dass diese aussahen wie überdimensionale Ohrringe. Man konnte dies nicht auf eine regionale Eigenheit abtun, da man überall auf barfüßige Menschen traf; auch das Alter spielte keine Rolle: "Barfüßler" gab es unter Kindern und Jugendlichen genauso wie unter älteren. Diese Angewohnheit sollte noch bis in die späten 1950er Jahre andauern. Erst in den frühen 1960er Jahren war es endlich überall etabliert, dass der Schuh in allen Gesellschaftsschichten am Fuß getragen und somir fester Bestandteil des Alltags wurde.

https://www.facebook.com/arquivo.mun.lisboa/videos/2459425280939897/

https://images.app.goo.gl/2T5AMS2mT96DveG39

http://casacomum.org/cc/visualizador?pasta=05750.014.04119#!5 

https://descalcismo.webnode.pt/products/portugal-proibe-pes-descal%C3%A7os/              

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.