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1. November 1755: das große Erdbeben von Lissabon

Der Allerheiligentag des Jahres 1755 brachte eine furchtbare Katastrophe für Lissabon und Portugal: Drei gewaltige Erdstöße und darauf folgende Flutwellen zerstörten fast 85 Prozent der Gebäude der Stadt. Heute weiß man, dass das Epizentrum des Bebens etwa 200 Kilometer südwestlich vom Cabo de São Vicente gelegen haben muss und auf der jetzt gültigen Richterskala eine Stärke von 8,5 bis 9 hatte. Heute weiß man mehr um die Ursachen der Katastrophe.

Die Zahl der Todesopfer kann man nur schätzen. Zwar sind die Berichte aus jener Zeit in ganz Europa zu finden. Aber die Schätzungen schwanken zwischen 30.000 und 100.000 Opfern. An der Algarve wurden alle Städte zerstört. 

Die Wucht des Bebens war in ganz Europa und großen Teilen Nordafrikas spürbar:

In Luxemburg stürzte eine Kaserne ein, in Holland und Schweden, selbst in Finnland wurden in den Häfen Schiffe aus den Verankerungen gerissen. In der Schweiz und Schottland schlugen Binnenseen hohe Wellen, die für die Menschen damals unerklärlich waren. Über die englische Südküste rollte noch eine etwa drei Meter hohe Welle hinweg, Flutwellen von mehr als 20 Metern Höhe verwüsteten Martinique und Barbados auf der weit entfernten anderen Seite des Atlantiks. Selbst auf den Azoren und den Kapverdischen Inseln war das Beben zu spüren, in Marokko waren etwa 10.000 Opfer zu beklagen.

Video ZDF-Mediathek: Terra-X "Wilder Planet - Gefahr für Lissabon" 

Augenzeugen erzählten, dass das Beben um 9.40 morgens begann. Der erste Erdstoß dauerte zwischen drei und sechs Minuten, im Boden taten sich meterbreite Spalten und Risse auf. Die Überlebenden versuchten sich zu retten, indem sie ins Freie flüchteten, in den Hafen. Dort hatte sich das Meer zurückgezogen – man konnte den Hafenboden mit längst gesunkenen Schiffswracks und verlorenen Gütern sehen.
Das Grauen brach erst danach über die Menschen herein: Eine riesige Tsunamiwelle überrollte den Hafen und trieb das Wasser flussaufwärts. Zwei weitere Wellen folgten. Sie löschten zwar die Brände, rissen allerdings die noch stehenden Gebäude im Hafenbereich und in der Altstadt mit Zehntausenden von Menschen mit sich. Es gab zwei Nachbeben, die wohl jeweils etwa zwei Minuten dauerten und zu großer Panik führten. 

Die Schäden in Lissabon waren enorm

Königliche Paläste und Bibliotheken (darunter die damalige Staatsbibliothek mit mehr als 70.000 Bänden), Malereien von Tizian und Rubens verschwanden entweder in den Fluten oder wurden durch die nachfolgenden verheerenden Brände zerstört, ebenso die Aufzeichnungen vieler Seefahrer und Entdecker.
An religiösen Bauten blieb ebenfalls nicht viel erhalten – und noch heute erinnert die Ruine des Convento do Carmo mit angeschlossenem Museum an die furchtbare Katastrophe, die Lissabon und ganz Portugal damals traf.

 
Die Kirche Convento do Carmo/Lissabon erinnert heute noch an das furchtbare Erdbeben vom 1. November 1755.

 

Die Oberstadt Lissabons (Bairro Alto) allerdings blieben wunderbarerweise fast völlig verschont – und ebenso die
Alfama, der alte (maurische) Stadtteil Lissabons zwischen dem Castelo S. Jorge und dem Flussufer des Tejo: genau also jene romantisch-engen Gassen, die heute noch die Touristen so sehr anziehen.

Die königliche Familie überlebte ebenso wie der erste Minister des Staates, der spätere Marquês de Pombal, nur durch einen Zufall. Pombal ist es zu verdanken, dass sofort mit dem Wiederaufbau begonnen wurde.
Überliefert ist sein Ausspruch: „Beerdigt die Toten und ernährt die Lebenden!“ Er sorgte dafür, dass die Leichen auf Schiffe gebracht und im Meer versenkt wurden, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. Die Armee riegelte auf seinen Befehl die Stadt ab, wurde gegen Plünderer eingesetzt und auch zum Abtransport der Tausenden von Leichten verpflichtet. Die Überlebenden durften Lissabon nicht verlassen, sondern wurden zur Mithilfe beim Wiederaufbau gezwungen.

Der Wiederaufbau der portugiesischen Hauptstadt

Nach nur einem Jahr war die Stadt frei von Schutt, der Aufbau wurde genau geplant und großzügigst gestaltet. Gelder dafür kamen zum Teil aus dem Ausland und von Handelsgilden: Beinahe alle großen Kaufmannsfamilien Europas unterhielten Filialen in Lissabon oder hatten Verträge mit portugiesischen Partnern. Die enge Beziehung zu England sorgte beispielsweise dafür, dass vom Londoner Parlament 100.000 Pfund zur Hilfe für Lissabon bereit gestellt wurden.
Auswirkungen hatte das Erdbeben sogar für die Wissenschaft: Man begann mit Forschungen in der Seismologie und Naturbeobachtung. Denn zum ersten Mal in Europa war es aufgefallen, dass Tiere das Beben anscheinend vorher spürten und aus tiefer gelegenen Bereichen auf Hügel flüchteten.

All diese Methoden stießen vor allem bei der Kirche auf wenig Gegenliebe. Als die Jesuiten predigten, das Erdbeben sei eine Gottes Strafe für die Reformen gewesen, setzte sich Pombal rigoros durch, vor allem, als es drei Jahre nach dem Erdbeben zu einem Attentatsversuch an König José I. kam: 

  • Der Jesuitenorden wurde 1759 aufgelöst.
  • Die Kirche musste das Recht der Zensur an den Staat abgeben, sogar die Inquisition wurde der Aufsicht des Staates unterstellt.
  • Das Schulwesen ging aus den Händen der Kirche an den Staat über.
  • Alle noch bestehenden rechtlichen Benachteiligungen der „Cristãos-Novos“ (also der getauften Juden) wurden aufgehoben.
  • Das portugiesische Heer wurde reformiert.
  • Die Sklaverei wurde abgeschafft (1761) – zumindest in Portugal selbst, die Indianer in Brasilien erhielten gleiche Rechte.
  • Außerdem wurde die portugiesische Besiedlung in Brasilien gefördert, ebenso der Brasilienhandel. Damit verbesserte sich die Finanzsituation Portugals enorm.


Das Gemälde "Ausweisung der Jesuiten" zeigt Pombal vor dem durch
die Erdbebenkatastophe heimgesuchten Lissabon.
(Louis-Michel van Loo und Claude-Joseph Vernet, 1766)

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